Zitat von Edith Erbrich auf der Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle Frankfurt

"Wir kommen wieder!"

Die letzten Deportationen aus Frankfurt 1945
Porträt von Heike Drummer
14. Februar 2020Heike Drummer

Am 26. März 1945 erreichten US-amerikanische Soldaten die stark kriegszerstörte Main-Metropole und befreiten die Stadt. Nur wenige Wochen zuvor hatte die Geheime Staatspolizei letzte Deportationen aus Frankfurt befohlen. So mussten noch am 14. Februar 1945 als jüdisch verfolgte Personen zum Gelände der Großmarkthalle kommen. 302 Frauen, Männer und Kinder wurden an diesem Tag nach Theresienstadt verschleppt.

Unmittelbar vor Kriegsende erhielten als jüdisch verfolgte Personen einen Bescheid der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, datiert vom 8. Februar 1945. Gemäß Erlass des Reichssicherheitshauptamtes und auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei mussten sich danach "in Mischehe lebende Juden/Jüdinnen – auch Geltungsjuden (…) am Mittwoch, den 14.2.1945, nachmittags 14 Uhr, pünktlich am Ostbahnhof, auf dem Gelände vor der Großmarkthalle (Ostseite)" einfinden.

Aufforderung zur vorletzten Deportation aus Frankfurt am Main

Aufforderung zur Deportation, Frankfurt am Main 8. Februar 1945
Aufforderung zur Deportation, Frankfurt am Main 8. Februar 1945

Und weiter hieß es in dem Erlass: "An Arbeitskleidung ist nach Möglichkeit festes Schuhwerk, warme Unterwäsche, Strümpfe usw., außerdem Rasierzeug, Eßgeschirr, Eßbesteck, Zahn- und Schuhbürste mitzubringen. Die Reisedauer kann 3 Tage in Anspruch nehmen. Sie wollen sich deshalb mit ausreichendem Essen für 4-5 Tage versehen. Eine Abmeldung beim zuständigen Ernährungsamt hat zu erfolgen. Vermögensfragen werden nicht berührt. Es wird jedoch in manchen Fällen empfehlenswert sein, etwa erforderliche Bestimmungen wie Vollmachtserteilungen usw. selbst zu treffen. Nichterscheinen zur angegebenen Zeit wird mit strengsten staatspolizeilichen Maßnahmen geahndet. Diese Aufforderung ist nicht als eine der früher üblichen Evakuierungen zu betrachten. Sie ist gut aufzubewahren und als Ausweis, daß Sie im Arbeitseinsatz stehen, gegebenenfalls am Bestimmungsort vorzulegen."

Und so kamen an diesem Tag Hunderte verzweifelte Frauen, Männer und Kinder zur Großmarkthalle. Sie stammten in der Mehrzahl aus Frankfurt, dem Regierungsbezirk Wiesbaden und dem Bezirk der Geheimen Staatspolizei Darmstadt. Einigen wenigen gelang es sich zu entziehen, indem sie bei Bekannten oder Freunden untertauchten. Schließlich wurden 302 Personen in Güterwagen vom Ostbahnhof in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Das Ziel kannte zu diesem Zeitpunkt niemand. Ein Zeitzeuge erinnerte sich später, dass der Zug am brennenden Dresden vorbei fuhr. 291 Personen des Transports überlebten und wurden von Soldaten der Roten Armee befreit.

Das Schicksal von Recha Wessinger und Helmut Sonneberg

Abschiedsfoto mit der Familie Wessinger vom 13. Februar 1945, einen Tag vor der Deportation Recha Wessingers und ihres Sohnes Helmut Sonneberg in das Lager Theresienstadt
Abschiedsfoto mit der Familie Wessinger vom 13. Februar 1945, einen Tag vor der Deportation Recha Wessingers und ihres Sohnes Helmut Sonneberg in das Lager Theresienstadt. © Lilo Günzler, Frankfurt am Main

Anfang Februar 1945 erhielten auch Recha Wessinger und ihr Sohn Helmut die erwähnte Aufforderung, sich zum "Arbeitseinsatz" auf dem Gelände der Großmarkthalle einzufinden. Die Familie war verzweifelt, beide Angehörige fügten sich jedoch dem Befehl, so wie die meisten Betroffenen. "Hätten sie einen Ausweg gesehen, wären sie nicht gekommen", kommentierte die Tochter und Schwester Lilo Günzler später die eigenen Erlebnisse am Ostbahnhof. Dort fuhr der Zug am 14. Februar 1945 von der Güterrampe ab. Noch kurz zuvor hatte es einen Fliegeralarm gegeben, den Lilo Günzler im Hochbunker am Ostbahnhof abwarten musste. Nach der Entwarnung sah sie ihre Mutter und den Bruder Helmut noch einmal. Verständigungen waren jetzt aber nur noch durch Rufen und Winken möglich. "Ich wollte mitlaufen, aber ein SS-Mann ließ an einer Absperrung keinen Angehörigen durch. Bis zu mir konnte ich die lauten, schrillen Befehle hören, die ein uniformierter Mann brüllte. 'Alles stehen bleiben. Mit dem Gesicht zum Zug. Immer 60 Personen in einen Wagen einsteigen'."  Die letzten Worte, die sie von Helmut aus dem Waggon vernahm, bevor SS-Männer die Türen zuschlugen und verriegelten, waren: "Wir kommen wieder!"

Die Familie überlebte den nationalsozialistischen Terror. Recha Wessinger und Helmut Sonneberg wurden in Theresienstadt befreit. Es dauerte Jahrzehnte, bis Lilo Günzler über die bedrückenden Erlebnisse sprechen konnte. Schließlich schrieb sie ihre Lebensgeschichte auf, die 2009 unter dem Titel "Endlich reden"  erschien.

Die Geschichte von Edith Bär

Edith Erbrich, geb. Bär, war im Februar 1945 sieben Jahre alt. Die Eltern lebten in konfessionell gemischter Ehe. Vater Norbert Bär war Jude, die Mutter Susanna Bär, geb. Henz, Katholikin. Edith sowie ihre vier Jahre ältere Schwester Hella galten gemäß nationalsozialistischer Rassenlehre als "Geltungsjuden". Nach dem Regierungsantritt Hitlers 1933 hatte der Vater seine Stellung im öffentlichen Dienst verloren, zuletzt musste er Zwangsarbeit leisten. Die Mutter war in einer pharmazeutischen Fabrik beschäftigt. Die Großeltern Hugo und Paula Bär waren bereits drei Jahre zuvor, bei der neunten Massendeportation am 15. September 1942, aus Frankfurt in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden.

Am 14. Februar 1945 wurden auch Norbert Bär sowie die beiden Töchter nach Theresienstadt verschleppt. Die hochschwangere Susanna Bär begleitete ihre Familie zur Großmarkthalle und dann zum Zug an den Ostbahnhof. "Meine Mutter hatte für uns das Notwendigste gepackt (...) Sie wollte freiwillig mit, aber sie durfte nicht. Als sich die Schiebetür geschlossen hatte, wurde sie noch einmal geöffnet. Ein Mann rief: 'Hebt die beiden Mädchen noch einmal hoch, ihre Mutter will sie noch einmal sehen!'"

In Theresienstadt wurden Vater und Kinder getrennt, was Edith und Hella als schweren Schock erlebten. Die Schwestern verbrachten die Tage mit einer Art Unterricht in Gruppen, einmal pro Woche durften sie ihren Vater treffen. Auch die Großmutter fanden sie am Leben, Norbert Bär hatte seine Mutter in einem Siechenheim entdeckt. Sein Vater indes war sofort nach der Ankunft im Lager gestorben. Nach der Befreiung organisierte Norbert Bär die notwendigen Papiere und einen Leiterwagen für die wenigen Habseligkeiten. Zu Fuß kehrte die Familie zu Susanna Bär nach Frankfurt zurück, wo diese zwischenzeitlich einen Sohn zur Welt gebracht hatte.

Edith Erbrich, Ich hab‘ das Lachen nicht verlernt. Ihre Lebensgeschichte – aufgezeichnet von Peter Holle, Neu-Isenburg 2014.
Edith Erbrich, Ich hab‘ das Lachen nicht verlernt. Ihre Lebensgeschichte – aufgezeichnet von Peter Holle, Neu-Isenburg 2014.

Edith Erbrich besuchte das ehemalige Lager Theresienstadt erst 1995 und beschrieb diese Reise in die Vergangenheit als einen traumatischen Weg. Seither war sie mehrfach dort, kann nun auch mit den Erinnerungen besser leben, Regelmäßig tritt sie bei Veranstaltungen als Zeitzeugin auf, zuletzt am 13. Februar im Frankfurter Haus am Dom. 2014 erschien ihre Lebensgeschichte.

Letzte Deportation am 15. März 1945

Ein letzter Transport mit fünf Personen fuhr noch am 15. März 1945 nach Theresienstadt. Auch und gerade diese Deportation mag heute für den mörderischen Judenhass stehen, für die brutale und rigorose Energie von Geheimer Staatspolizei, NSDAP-Gauleitung, aber auch der Frankfurter Stadtverwaltung, die gemeinsam bis unmittelbar vor Kriegsende alles daran setzten, jüdisches Leben in der Stadt vollständig zu vernichten.

"106 Juden existieren noch in sechs 'Judenhäusern' in dieser halb in Ruinen liegenden Stadt. (…) Das habe ich festgestellt, als ich heute mit Truppen der 5. Infanteriedivision der 3. amerikanischen Armee in Frankfurt eingetroffen bin", so berichtete ein US-amerikanischer Kriegskorrespondent. Die genaue Zahl ist nicht bekannt und wird auf 150 bis 200 Personen geschätzt. Zuletzt völlig rechtlos und von jeglicher Versorgung abgeschnitten hatten diese in Sammelplätzen oder im Versteck nationalsozialistische Willkür, Verfolgung und Terror, den Zugriff vor Verschleppung, gezieltes Aushungern und Bombenangriffe überlebt.

Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle

Zitat von Edith Erbrich auf der Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle Frankfurt
Zitat von Edith Erbrich auf der Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle Frankfurt

Seit 2015 wird an der Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle der 10.000 Jüdinnen und Juden gedacht, die 1941/42 in einem sehr kurzen Zeitraum während zehn Massendeportationen gewaltsam in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt und ermordet wurden. Gleichzeitig wird dort an alle als jüdisch verfolgten Opfer aus Frankfurt erinnert sowie an Personen, die sich aus Verzweiflung umbrachten, aber auch an Überlebende der Schoa. Von diesem schändlichsten Kapitel der Frankfurter Stadtgeschichte erzählen 26 zeitgenössische und neuere Zitate, eingeschrieben auf neu Wegen und Mauern. Darunter finden sich auch die hier zu lesenden Zeugnisse von Lilo Günzler und Edith Erbrich über die Deportation nach Theresienstadt am 14. Februar 1945.

Buchcover von Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle. Die Deportation der Juden 1941-1945
Für weiteren Information empfehlen wir die Publikation: Raphael Gross/Felix Semmelroth (Hg.), Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle. Die Deportation der Juden 1941-1945, München/London/New York 2016.

Für die künstlerische Umsetzung war es unerheblich, auf welche der zeitlich nah aufeinander folgenden Deportationen sich die Wortbelege jeweils beziehen. Die Besucher*innen sollen vom Leid der an diesen Ort befohlenen Jüdinnen und Juden erfahren. Sie sollen verstehen, dass Geheime Staatspolizei mit Helfershelfern der Terrorbehörde von hier die Massendeportationen durchführte und die Großmarkthalle ab 1943 zuweilen als Sammelplatz für kleinere Transporte beibehalten wurde. Auch wenn die Züge vom nahegelegenen Ostbahnhof oder vom Hauptbahnhof in die Lager, in den Tod fuhren, so steht doch die ehemalige Großmarkthalle gleichsam symbolisch für die Vernichtung der jüdischen Gemeinschaft in Frankfurt.

Heike Drummer

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