Namensblöcke auf der Gedenkstätte Börneplatz in Frankfurt.

Zachor: Erinnere dich!

Für ein wehrhaftes jüdisches Gedächtnis
Porträt von Mirjam Wenzel
24. Januar 2020Mirjam Wenzel

Die Bedeutung des deutschen Nationalsozialismus und des Zivilisationsbruchs der Schoa wird zunehmend in Frage gestellt und relativiert. Dem gilt es entschieden entgegen zu treten, nicht nur im politischen Feld, sondern auch in der kulturellen Arbeit. Dabei kommt Archiven, Bibliotheken und Museen eine neue Verantwortung zu.

Archive, Bibliotheken und Museen sind Gedächtniseinrichtungen. Sie sammeln materielle sowie immaterielle Kulturzeugnisse für zukünftige Generationen und vermitteln deren Bedeutung an die gegenwärtige Gesellschaft. Das Gedächtnis, das sie mit diesen Zeugnissen bewahren, ist dasjenige eines konkreten Ortes, einer konkreten Person oder auch einer konkreten Gemeinschaft. Im Fall des Jüdischen Museums Frankfurt handelt es sich um das Gedächtnis der hiesigen jüdischen Gemeinde mit ihrer über 800 jährigen Geschichte wie auch um die Erinnerungen einzelner Personen mit jüdischem Familienhintergrund.

Über die Aufgaben von Museen

Silberner Weinkelch aus der Synagoge Börneplatz Frankfurt, angefertigt 1911, eine Leihgabe der Jüdischen Gemeinde Frankfurt
Dieser Weinkelch (1911) stammt aus der 1938 zerstörten Börneplatzsynagoge Frankfurt. Er befindet sich heute als Leihgabe der Jüdischen Gemeinde Frankfurt im Museum Judengasse.

Ein Museum entreißt die schriftlichen Zeugnisse, Kunstwerke oder Alltagsgegenstände, an denen das Gedächtnis wie auch die persönlichen Erinnerungen haften, dem kommunikativen Zusammenhang, in dem sie entstanden, und überführt sie an einen stummen Ort: das Depot, das Archiv oder die Cloud. Es gehört es zu den wichtigsten Aufgaben von Museen, das Gedächtnis wie auch die persönlichen Erinnerungen wieder in einen kommunikativen Zusammenhang zu bringen und das sichtbar zu machen, was gemeinhin unsichtbar ist: die Provenienzgeschichte eines Objekts, der familiäre oder kulturelle Kontext, in dem es entstanden ist, die Textur eines Werks, die Fertigkeit des Künstlers etc. Diese Aufgabe ist auch von politischer Bedeutung: während die Wertschöpfungslogik des Sammelns durch die Raub- und Aneignungsgeschichte der Dinge zunehmend in Frage gestellt wird, nimmt die Wertschätzung der persönlichen oder kulturellen Bedeutung der Dinge für ihre vormaligen Besitzer immer mehr zu. Dies gilt auch und besonders für das Gedächtnis und die Erinnerungen, die ein Jüdisches Museum bewahrt.

Erinnerungsarbeit jüdischer Museen in Deutschland

Blick ins Museum Judengasse mit den Fundamenten des früheren jüdischen Ghettos und Beschern
Blick ins Museum Judengasse mit den Ruinen von fünf Häusern des früheren jüdischen Ghettos.

Eine Besonderheit Jüdischer Museen in Deutschland besteht in dem konkreten Ortsbezug ihrer Arbeit. Viele Einrichtungen sind in früheren Synagogen, jüdischen Gemeindeeinrichtungen oder Wohnhäusern jüdischer Familien untergebracht. Die deutsch-jüdische Geschichte, die sie an den jeweiligen Orten erzählen und bewahren, ist Geschichte. Die Vermittlung dieser Geschichte ist damit auch und vor allem: Erinnerungsarbeit.

Das Jüdische Museum Frankfurt hat zwei Standorte mit zwei permanenten Ausstellungen, die sich ebenfalls auf die unmittelbare Ortsgeschichte beziehen: die jüdische Geschichte der Frühen Neuzeit wird in den Fundamenten von fünf Häusern des früheren Ghettos erzählt, die jüdische Geschichte der Moderne in einem ehemaligen Wohnhaus der Familie Rothschild und der ersten von ihr gestifteten öffentlichen Bibliothek. Die Erinnerungsarbeit des Museums widmet sich auch anderen jüdischen Orten im Stadtraum. Mit regelmäßigen Stadtführungen, durch unsere Beteiligung an digitalen topografischen Angeboten wie Jewish Places oder mit unserer App Unsichtbare Orte versuchen wir das Gedächtnis dieser Orte wieder in einen kommunikativen Zusammenhang zu bringen.

Namensblöcke auf der Gedenkstätte Börneplatz in Frankfurt.
Namensblöcke auf der Gedenkstätte Börneplatz. In einer Datenbank dokumentiert das Jüdische Museum alle Informationen zu den Biographien antisemitisch Verfolgter aus Frankfurt.

Ein ebenso wichtiger Bestandteil unserer Aufgabe ist es, die Erinnerung an die Biographien und Schicksale jener mehr als 10.000 Jüdinnen und Juden wachzuhalten, die in der Schoa aus Frankfurt deportiert und ermordet wurden. Beinahe täglich erreichen uns Nachfragen von Angehörigen oder Forschenden aus aller Welt zu den Biografien dieser Menschen. Indem wir diese Anfragen beantworten und beständig weiterforschen, halten wir die Erinnerung an jede einzelne Person wach, die als Jüdin oder Jude von den Nationalsozialisten verfolgt wurde.

Vom Abgrund zwischen jüdischem Gedächtnis und deutschem Gedenken

Von zentraler Bedeutung für unsere Arbeit ist, dass das Gedächtnis, welches wir bewahren und vermitteln, der jüdischen Erfahrung entstammt. Jedes schriftliche Zeugnis in unserem Archiv, jeder Gegenstand und jedes Kunstwerk in unseren Depots wurde von einem Juden oder einer Jüdin verfasst – viele von ihnen in Auseinandersetzung mit der nicht-jüdischen deutschen Gesellschaft.

Der Historiker Dan Diner hat sich intensiv mit den Unterschieden zwischen dem Gedächtnis jüdischer Familien und Gemeinschaften und den Formen des Nicht-Erinnerns beschäftigt, die in deutschen Familien mit nationalsozialistischer Vergangenheit gepflegt werden. Er kam zu der analytischen Diagnose, dass "die vornehmlich administrativ und industriell, also hochgradig arbeitsteilig vollzogene Massenvernichtung" auf Seiten der deutschen Täter ein Gefühl genuiner Verantwortungslosigkeit bedingt habe, das "von der existentiellen Erfahrung der jüdischen Opfer her massiv dementiert" werde. Der Abgrund, der sich zwischen diesen beiden entgegengesetzten "Erfahrungskontexten" auftue, spiegele sich laut Diner bis heute in dem Unterschied zwischen jüdischem Gedächtnis und deutschem Gedenken. Das jüdische Gedächtnis erinnere die Monstrosität im Einzelnen, der deutsche Diskurs neige hingegen dazu, sich auf einzelne Aspekte der Tat zu konzentrieren und diese durch Vergleiche zu relativieren.

Buchcover zu Max Czollek, Desintegriert euch!, Carl Hanser Verlag 2018.
Buchcover zu Max Czollek, Desintegriert euch!, Carl Hanser Verlag 2018.

In seinem Manifest "Desintegriert Euch!"  wendet Max Czollek diese Unterscheidung zwischen jüdischem Gedächtnis und deutschem Gedenken gegen Letzteres. Auf den Begriff "Gedächtnistheater" des Soziologen Y. Michal Bodemann aufbauend,  bezichtigt der Lyriker und Publizist die deutsche Erinnerungskultur einer Mitverantwortung für die Rückkehr nationalistischer und völkischer Denkweisen in der Gegenwart und plädiert für eine Selbstermächtigung jüdischer Diskurse.

Für ein wehrhaftes jüdisches Gedächtnis

In Anlehnung an Dan Diner und Max Czollek wollen wir in den kommenden Wochen auf unseren Social Media Kanälen mit den uns anvertrauten, unveröffentlichten Zeugnissen ebenso wie mit Zitaten aus bereits publizierten Texten jüdischer Schriftsteller die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der Gegenwart kommentieren. Auf diese Art und Weise möchten wir das jüdische Gedächtnis gegen deutsche Geschichtsvergessenheit und nationalistischen Geschichtsrevisionismus in Stellung bringen.

Den Anfang setzen wir mit einem Zitat von Hannah Arendt aus dem Essay "Organisierte Schuld" von 1944, der sich auf das Verwischen der Unterscheidung zwischen Tätern, Zeugen und Opfern, zwischen Verbrechern, Mittätern, Widerstandskämpfern und Überlebenden bezieht:

Hannah Arendt, "Organisierte Schuld". In: Die Wandlung 1 (1945/46), S. 333-344, hier S. 337.

Inzwischen geht es ....darum sich zu überlegen, welche Haltung man einnehmen kann, wie man es ertragen kann, sich mit einem Volke konfrontiert zu finden, in welchem die Linie, die Verbrecher vom normalen Menschen, Schuldige von Unschuldigen trennt, so effektiv verwischt worden ist, daß morgen niemand in Deutschland wissen wird, ob er es mit einem heimlichen Helden oder mit einem ehemaligen Massenmörder zu tun hat.

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