Gemälde von Sebastiano Ricci: Allegorie der Künste, Öl auf Leinwand, 1690-1694

Wo sind sie geblieben, wo sind die Göttinnen?

Eine feministische Lesart der Ausstellung "Die Weibliches Seite Gottes"
Porträt Dr. phil. Türkân Kanbıçak
14. Januar 2021Türkân Kanbiçak

Im Wandel vom Polytheismus zum Monotheismus wurde die Idee weiblicher Gottheiten allmählich verdrängt. Türkan Kanbicak geht dieser Verdrängung auf die Spur und spannt den Bogen in unsere Gegenwart – heute erobern sich Frauen ihr Recht auf Teilhabe an religiösen Praktiken zurück. Eine Podiumsdiskussion am 21. Januar vertieft den Zusammenhang von Gottesvorstellungen und Geschlechterkonstruktionen.

Figurine einer üppigen Fruchtbarkeitsgöttin Schaar Hagalon, Jarmukian Kultur, Neolitikum, 6000 v. d. Z.
Figurine einer üppigen Fruchtbarkeitsgöttin Schaar Hagalon, Jarmukian Kultur, Neolitikum, 6000 v. d. Z.

Vom Roten Meer bis zum Nil, vom Euphrat bis zum Ionischen Meer existierten in der Antike weibliche Gottheiten. Im altorientalischen Götterpantheon bevölkerten Göttinnen als Alleinherrscherinnen oder als gleichberechtigte Partnerinnen den religiösen Kosmos. Im Polytheismus kam jeder Gottheit eine besondere Aufgabe und Wirkungsmacht zu. Für jede Notlage oder für jedes Bedürfnis gab es eine Gottheit – ungeachtet des Geschlechts.

Was ist mit diesen Göttinnen passiert?

Archäologische und kulturhistorische Forschungen verdeutlichen,  dass es eine lange Übergangsphase vom Polytheismus zum Monotheismus gab. Dabei waren die Grenzen zwischen den verschiedenen Vorstellungen fließend und es gab zahlreiche Überlappungen. Während die verschiedenen Gottheiten in der Region des Nahen und Mittleren Ostens zunächst koexistierten, wurden polytheistische Vorstellungen später vielerorts bekämpft und abgewehrt. Die Bewohner Judäas nahmen den Glauben an den einen Gott erst nach und nach an – dabei spielt die Zeit des so genannten babylonischen Exils im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine zentrale Rolle.

In dieser Exilphase des antiken Judentums setzte sich der Alleinverehrungsanspruch des einzigen Gottes durch. Diesem Anspruch standen die andere Stammesgottheiten der Region im Wege. Ihre Existenz wurde infolgedessen auch in den Auseinandersetzungen zwischen Völkern bekämpft und negiert.

Anspruch auf Alleinverehrung im erstarkenden Monotheismus

Dieser Kampf – die Durchsetzung des Monotheismus – lässt sich mithilfe biblischer Quellen gut belegen. So heißt es beispielsweise in der hebräischen Bibel, dem Buch des Proheten Jesaja 45,6: "Der Westen und der Osten, ja, die ganze Welt soll daran erkennen, dass es außer mir keinen Gott gibt. Ich bin der Herr, ich allein.“ Neben der Forderung nach alleiniger Verehrung erhebt der Gott der hebräischen Bibel während und nach der Exilzeit auch einen Universalitätsanspruch, der sich nicht auf sein Volk beschränkt, sondern sich auf „die ganze Welt“ (vgl. ebd.) erstreckt.

Der Koran als heilige Schrift des Islams folgt dem gleichen strengen monotheistischen Gedanken. Hier heißt es unter anderem „Euer Gott, er ist ein einziger Gott. Keinen Gott gibt es außer ihm, dem Erbarmer, dem Barmherzigen“ (Sure 1, 163) oder „Gott: Kein Gott ist außer ihm, dem Lebendigen, Beständigen“ (Sure 3, 2). Die sich wiederholende Betonung des Korans, dass Gott allmächtig ist und dass es nur einen Gott gibt, lässt sich ein fortgesetzter Kampf um die Durchsetzung des Monotheismus in einer durch und durch polytheistischen Götterwelt interpretieren. Alle Koran-Suren beginnen mit einem Bekenntnis zum „Einzigen, Allmächtigen und Allerbarmer“.

"Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes": So lautet bekanntermaßen der christliche Segen. Für Christen vereint die göttliche Trinität Gott-Vater, Gottes Sohn und den heiligen Geist. Paulus spricht erstmals in seinem zweiten Korintherbrief 13,13 von dieser Trinität. Hier heißt es, dass Gott sich den Menschen in der Person Jesus – seines Sohnes – offenbart habe. Neben der doppelten männlichen Konstruktion Gottes als Vater und Sohn erfährt Maria aufgrund ihrer Rolle als Mutter von Jesus eine besondere Verehrung. Diese Verehrung wurde durch die Erzählung der unbefleckten Empfängnis gestärkt und kommt in der Vorstellung zum Ausdruck, Maria sei die Mutter Gottes. Mit dieser Vorstellung knüpfte das Christentum an die altorientalische und antike Figur der großen Mutter (Isis  oder Gaia) an.

Verdrängung weiblicher Gottheiten

Ayala Serfaty - TutGamToo, 2012-2014
Ayala Serfaty - TutGamToo, 2012-2014, Verschmelzung weiblicher und männlicher Gottheiten

Die zahlreichen und wirkungsmächtigen Göttinnen, die häufig auch als Schutzpatroninnen beispielsweise für Fruchtbarkeit, Wetter oder für unterschiedliche Dienste/Berufe etc. dienten, mussten  in allen drei monotheistischen Religionen dem Alleinherrschaftsanspruch des „Allmächtigen“ weichen. Aus den weiblichen Gottheiten wurde die Imagination einer weiblichen Seite des einen Gottes. Diese „weiblichen“ Aspekte des einzigen Gottes verschmolzen mit anderen, eher „männlich“ konnotierten Attributen und sind nicht mehr klar voneinander trennbar.

Männliche Perspektive der Bibelexegese

Die Kanonisierung und Exegese religiöser Texte wurde von jeher von Männern dominiert. Erfahrungswelten von Frauen, die etwa mit dem Gebären zusammen hängen, spielten in den Diskussionen und Gedankenwelten kaum eine Rolle. Obwohl Mutterschoß und Barmherzigkeit zentrale Themen monotheistischer Religionen sind, verblassten in dieser patriarchalischen Religionsgeschichte die weiblichen Seiten des einen Gottes. Im Arabischen, der Ursprungssprache des Korans, steht das Wort Rahmān für das Barmherzige. Zugleich steht der gleiche Wortstamm auch für Rahim - die Gebärmutter. So lassen sich in der Sprache des Korans zahlreiche Ansätze finden, in denen das Schöpferische der Gebärmutter der Frau zugewiesen wird – ein Ansatz, der in der Auslegung jedoch häufig übergangen wird. Auch in der mystischen Tradition des Judentums, der Kabbala, spielt die schöpferische Kraft des Gebärens eine große Rolle. Sie wird der „Schechina“ zugeschrieben. Das hebräische Wort „Schechina“ bedeutet, wörtlich übersetzt, „Einwohnung Gottes auf Erden“, und wird in der rabbinischen Literatur mit dem Allerheiligsten im Tempel in Verbindung gebracht. Nach dessen Zerstörung sicherten die Rabbiner praktizierenden Jüdinnen und Juden zu, dass die „Schechina“ im Gebet und bei dem Studium der Tora anwesend sei.  

Diese und andere weiblichen Aspekte in der Vorstellung des einen Gottes geben weibliche Erfahrungen wieder. Sie ermöglichen es Frauen, sich als das „Ebenbild Gottes“ wahrzunehmen, als das sie laut Bibel geschaffen wurden. Damit Frauen eine aktive Rolle in der religiösen Praxis einnehmen können, müssen diese weiblichen Aspekte des einen Gottes in den religiösen Schriften und der kulturgeschichtlichen Tradition herausgestellt werden. Vor allem für die Teilhabe bei der Ausübung religiöser Riten und in der Besetzung prominenter Positionen des öffentlichen religiösen Lebens braucht es noch viel Überzeugungsarbeit und die Wiederentdeckung weiblicher religiöser Vorbilder. Umso wichtiger ist es, dass Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen sich dieser Diskussion annehmen und auf die weiblichen Seiten Gottes aufmerksam machen.

Frauen nehmen sich ihr Recht auf Teilhabe an religiösen Praktiken

Antiker Grabstein der Synagogenvorsteherin Sophie in der Ausstellung "Die Weibliche Seite Gottes". CC-BY 4.0 Jüdisches Museum Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz
Antiker Grabstein der Synagogenvorsteherin Sophie in der Ausstellung "Die Weibliche Seite Gottes". CC-BY 4.0 Jüdisches Museum Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz

Der Talmud etwa erzählt an mehreren Stellen, dass sich die gelehrten Frauen von Rabbinern in die Diskussion um die Auslegung der Tora einmischten. In unserer Ausstellung „Die weibliche Seite Gottes“ wird nicht nur an diese Rebbezin‘, sondern auch an die Synagogenvorsteherin erinnert, der ein Grabstein aus dem 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gewidmet ist. Frauen vollzogen immer wieder rituelle Handlungen oder nahmen Positionen ein, die ihnen von männlichen Repräsentanten zu anderen Zeiten verwehrt wurden. Im Geiste der Selbstermächtigung erhoben sie Anspruch auf Teilhabe an religiösen Praktiken, Diskussionen und bauten sich eigene Öffentlichkeiten auf.  Diesen emanzipatorischen Prozess und die Forderung nach weiblicher Teilhabe an repräsentativen Positionen und religiösen Praktiken haben zahlreiche Künstlerinnen in unterschiedlichen Werken aufgegriffen.

Unsere Ausstellung Die weibliche Seite Gottes zeichnet den kulturhistorischen Prozess der Verdrängung weiblicher Gottheiten nach und zeigt, wohin sich die mit ihnen verbundene Vorstellungen verflüchtigten. Sie gibt dabei insbesondere künstlerischen Aushandlungs- und Aneignungsprozessen einen gemeinsamen öffentlichen Raum. Die israelische Künstlerin Hadassa Goldvicht – um hier nur ein Beispiel zu nennen – macht sich in ihrer Videoinstallation Writing Lesson eine Praxis zu eigen, die in der traditionellen orthodoxen Erziehung vor allem Jungen zuteil wird:  der Brauch, das Erlernen von Buchstaben im Alter von 3 Jahren zu versüßen, in dem diese mit Honig bestrichen werden.  Diese Praxis greift Goldvicht in dem Video „Writing It All Back“ auf, das Bestandteil ihrer dreiteiligen Videoinstallation ist. Indem sie selbst die mit Honig bestrichenen Buchstaben in sich aufnimmt, macht sie sich einen religiösen Ritus zu eigen, der traditionellerweise Jungen vorbehalten ist.

Podiumsdiskussion am 21. Januar 2020

Die Ausstellung „Die weibliche Seite Gottes“ ist aufgrund der Pandemie derzeit leider geschlossen. Am Donnerstag, den 21. Januar 2021 werde ich mit Rabbinerin Prof. Elisa Klapheck, der feministischen Theologin Marie-Theres Wacker und der Islamwissenschaftlerin Dr. Nimet Seker über ihren religionsgeschichtlichen Kontext  diskutieren. Im Zentrum der Podiumsdiskussion steht die Frage, wo sich in den abrahamitischen Religionen weibliche Seiten Gottes finden und welche Konsequenzen männlich imaginierte Gottesvorstellungen für die Geschlechterkonstruktionen und soziale Rollen mit sich bringen.

Die Podiumsdiskussion findet am 21.01.21 um 19:00 Uhr als Online-Veranstaltung statt.

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