Visualisierung der künftigen Bibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt

Viel Begegnung, wenig Staub

Unsere neue Museumsbibliothek 2020
Porträt von Franziska Krah
15. Oktober 2019Franziska Krah

Immer weniger Menschen in Deutschland lesen Bücher. Vor allem die Zahl jüngerer Leser*innen sinkt. Trotzdem geben wir unserer Museumsbibliothek ein neues großzügiges Zuhause. Franziska Krah, zuständig für die konzeptionelle Entwicklung und Leiterin der Bibliothek, gibt anlässlich der Frankfurter Buchmesse Einblicke in die Hintergründe und in die laufenden Vorbereitungen.

Die Räume des heutigen Jüdischen Museums im Rothschild-Palais beherbergten einst die erste öffentliche Bücherei Frankfurts. 1888 gegründet, war sie eine der modernsten und beliebtesten ihrer Zeit. Hannah Louise von Rothschild (1850–1892) richtete sie in Erinnerung an ihren verstorbenen Vater Mayer Carl von Rothschild (1820–1886) ein. Gründe für die Popularität unter den Frankfurter*innen waren die täglichen Öffnungszeiten sowie die große Auswahl an Literatur: vom Roman über Schulbücher bis hin zu Fachliteratur war hier alles zu bekommen, und das komplett kostenlos.

Von der Rothschild’schen Bibliothek zur Museumsbibliothek

Blick in den Büchersaal der Freiherrlich Carl von Rothschild'schen öffentlichen Bibliothek, um 1890
Blick in den Büchersaal der Freiherrlich Carl von Rothschild'schen öffentlichen Bibliothek, um 1890 © Historisches Museum Frankfurt

Mehr als 130 Jahre später ist vieles anders. Die überlieferten Bände der Rothschild‘schen Bibliothek sind inzwischen Teil der Frankfurter Universitätsbibliothek. In den ehemaligen Räumen der Bibliothek gibt es statt Büchern ab April 2020 unsere neue Dauerausstellung zu sehen, die unter anderem die Geschichte der Frankfurter Familie Rothschild thematisiert.

Anders als damals ist auch der grundsätzliche Stand von Bibliotheken in unserer heutigen Gesellschaft. Statt der früheren Aufbruchsstimmung kursiert heute eher das traurige Wort vom "Bibliothekssterben". In vielen Ländern Europas gehen Bibliotheken den umgekehrten Weg Rothschilds, nämlich den der Schließung. Daher stellt sich die Frage, welche gesellschaftliche Bedeutung Bibliotheken im 21. Jahrhundert überhaupt noch haben können. Das ist eine Frage, die auch wir uns im Rahmen unserer Bibliotheksplanungen gestellt haben.

Die Bibliothek im 21. Jahrhundert: Papiermuseum oder Dritter Ort?

Statt dem Buch steht in vielen neuen Bibliothekskonzepten der Mensch im Vordergrund – so auch bei uns. Grundlegend ist dabei eine Idee, die mit der inzwischen recht abgegriffenen sozialwissenschaftlichen Bezeichnung von der Bibliothek als "Drittem Ort" (Ray Oldenburg) zusammengefasst werden kann. Gemeint ist damit ein Ort, der weder Privatraum ("Erster Ort") noch Arbeits- oder Ausbildungsstelle ("Zweiter Ort") ist. Die Bibliothek soll demgegenüber eine Art zweites Zuhause sein, ein analoger und offener Ort für Begegnung, Austausch, Vernetzung und zum Verweilen.

Was sich unsere Besucher*innen wünschen

Beim Open House im Herbst 2018 konnten Besucher*innen Ideen und Vorschläge für die künftige Bibliothek des Jüdischen Museums anbringen
Beim Open House im Herbst 2018 konnten Besucher*innen Ideen und Vorschläge für die künftige Bibliothek des Jüdischen Museums anbringen. Foto: Uwe Dettmar

Im Rahmen von "Open House", unserem fünftägigem Baustellenfest im Herbst 2018, haben wir unsere Besucher*innen gefragt, was sie sich für unsere Bibliothek wünschen. Dabei kamen zahlreiche gute Ideen zusammen. Eine Hängematte im Lesesaal wird es vorerst zwar nicht geben, stattdessen aber die gewünschte gemütliche Leseecke, Kinder- und Bilderbücher, Vorlesestunden, Lesungen und natürlich ein offenes WLAN.

Ein buntes Programm für alle Altersgruppen

Besonders berücksichtigt haben wir in der Planung die Möglichkeit zur Begegnung. Im Rahmen eines bibliotheksspezifischen Programms für unterschiedliche Alters- und Interessensgruppen wollen wir Raum für Austausch und Kultur ermöglichen. Angefangen bei den ganz Kleinen bieten wir mit "Lilo-Lausch" zum ersten Mal ein Angebot für Vorschulkinder. Gemeinsam mit der Stiftung Zuhören haben wir deren erfolgreich erprobtes Programm inhaltlich erweitert. Bei "Lilo Lausch" können die Teilnehmer*innen kulturelle und sprachliche Vielfalt erleben und dabei ihr Hören schulen. Gerade vor dem Hintergrund des wachsenden Antisemitismus kann eine frühe positive Bezugnahme zu Judentum und gelebter Vielfalt dazu beitragen, Hass und Vorurteilen vorzubeugen.

Visualisierung der künftigen Bibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt
Visualisierung der künftigen Bibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt © Staab Architekten

Für alle stets verfügbar wird im Bibliotheksraum eine "Lilo Lausch Kiste" bereitstehen – ausgestattet mit einer Lilo-Elefantenhandpuppe und anderen Anregungen wie Bilderbüchern und Spielen. Kinder im Vor- und Grundschulalter können außerdem einmal monatlich beim Vorlesesonntag die Geschichten und Bilderbuchschätze der Bibliothek entdecken. Anschließend darf gespielt, gemalt, gebastelt und gesungen werden.

Kinder und Jugendliche können die Familiengeschichte von Anne Frank erkunden, und zwar mithilfe eines Workshops, bei dem aus der Familienkorrespondenz gelesen wird. Und auch Erwachsene kommen nicht zu kurz. Im Rahmen von Lesungen werden in unserem Bibliotheksraum interessante Neuerscheinungen zu Themen rund ums Judentum vorgestellt. Auch Filmvorführungen und medienpädagogische Workshops werden wir dank unseres großen interaktiven Smartboards und einem Set an Tablets anbieten können.

Zwischen alt und neu: Was bleibt

Ist nun alles komplett anders und überhaupt nicht mehr zu vergleichen mit der Rothschild‘schen Bibliothek, die uns das Rothschild-Palais gewissermaßen als historisches Erbe überantwortet hat? Nicht ganz. Auch mehr als 130 Jahre später wird es in unserer Bibliothek noch Bücher geben. In zwei Seitenmagazinen, die vom Bibliotheksraum aus frei zugänglich sind, stellen wir unsere mehr als 25.000 Bände an Fachliteratur zu den Themen Geschichte, Religion, Kunst und Kultur des Judentums bereit. Darüber hinaus bieten wir Literatur zu jüdischen Persönlichkeiten und von jüdischen Autor*innen. Hinzu kommen neuerdings auch Kinder- und Jugendliteratur, Comics, Kochbücher und alles rund um die Familie Frank. Unsere Besucher*innen erwarten kuratierte Inhalte und auch das Lernen spielt nach wie vor eine Rolle. Für Forscher*innen gibt es daher abgetrennte, ruhige Arbeitsplätze. Unverändert ist auch der Grundsatz, der bereits Hannah Louise von Rothschild so wichtig war und demzufolge der gesamten Bevölkerung ein kostenloser Zugang zu Bildung, Wissenschaft und Literatur ermöglicht werden soll: mithilfe eines Raums für alle, die ihn nutzen wollen.

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