Gruppe der Swing Jugend in Frankfurt, 1936

Das Lauinger Archiv

Ein eindrucksvoller Zuwachs unserer Familiensammlung
Porträt von Franziska Krah
16. Juli 2021Franziska Krah

Am 17. Juli ist Christopher Street Day in Frankfurt. Zu diesem Anlass geben wir die Übernahme des Lauinger Familienarchivs bekannt. Die bewegenden Unterlagen und Erinnerungsstücke des Frankfurter Zeitzeugen Wolfgang Lauinger (1918–2017) und seinem Vater Artur werden als Dauerleihgabe in unserem Museumsarchiv aufbewahrt und sind für Forschung und Bildungsprojekte zugänglich.

1950 erlebten zahlreiche junge Männer aus Frankfurt eine Festnahmewelle. Ihr Vergehen: Verdacht auf Verstoß gegen den Paragrafen 175. Besagter Paragraf, der 1872 ins deutsche Strafgesetzbuch aufgenommen worden und 1935 verschärft worden war, stellte Homosexualität unter Strafe und hatte bereits während des Nationalsozialismus dafür gesorgt, dass die Schwulenszene beinahe völlig aus der Frankfurter Öffentlichkeit verdrängt worden war.

Verfolgt als Swing-Kid und Homosexueller

Wolfgang Lauinger nach Kriegsende 1948/49
Wolfgang Lauinger nach Kriegsende 1948/49 Leihgabe Dr. Bettina Leder, © JMF

Einer der Inhaftierten war Wolfgang Lauinger. Der 31-Jährige Frankfurter saß für acht Monate im Gefängnis, bevor Anklage erhoben und Lauinger schließlich mangels Beweisen freigesprochen wurde. Im selben Gefängnis war er schon während des Nationalsozialismus inhaftiert. Insgesamt sieben Monate wurde er 1941/42 seiner Freiheit beraubt, um ihm ebenso erfolglos Homosexualität nachzuweisen. Seine Festnahme stand im Zusammenhang mit der Kriminalisierung der Swing-Jugend, die sich mit ihrer Liebe zum amerikanischen Swing vom Nationalsozialismus und besonders von der Hitlerjugend abzugrenzen versuchte. Auch Wolfgang Lauinger gehörte als Mitglied des Frankfurter Swing liebenden "Harlem-Clubs" dazu. Was die Festnahme für Wolfgang Lauinger besonders gefährlich machte: sein Vater war jüdisch und somit galt er seit den 1930er Jahren als "Halbjude".

Ein turbulentes Leben in Kartons

Wolfgang Lauinger-Vitrine in der neuen Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt
Unsere Dauerausstellung gibt erste Einblicke in Wolfgang Lauingers Geschichte. Foto: Norbert Miguletz, © JMF

Wolfgang Lauingers Schicksal ist ein besonderes, da er aufgrund mehrerer Faktoren verfolgt wurde: Für den Swing- und Männerliebenden Mann mit jüdischem Vater bedeutete die nationalsozialistische Herrschaft eine jahrelange Lebensbedrohung. In den letzten zwölf Jahren seines Lebens kämpfte er um die Anerkennung des Unrechts, das ihm mit seiner erneuten Inhaftierung 1950 widerfahren war. Noch kurz vor seinem Tod 2017 wurde sein Antrag auf Rehabilitierung abgelehnt.

Mit seiner besonderen Geschichte erregte er nicht nur unser Interesse im Zuge der Neugestaltung unserer Dauerausstellung. Auch im Museumsarchiv sind es solche persönlichen Geschichten, die wir als Teil der jüdischen Geschichte Frankfurts verstehen und an die wir erinnern wollen. So wird das Schicksal von Wolfgang Lauinger nicht nur in einer Vitrine unserer neuen Dauerusstellung erzählt, sondern wir bewahren nun auch die Nachlassunterlagen von ihm und seinem Vater – geschützt in säurefreien Kartons – in unserem Archivmagazin auf.

Den Nachlass hat uns Dr. Bettina Leder anvertraut. Sie war viele Jahre mit Wolfgang Lauinger befreundet und erbte nach seinem Tod die von Lauinger bereits vorsortierten Dokumente, Fotos und Erinnerungsstücke aus seiner Lebens- und Familiengeschichte. Zur Frage, warum Leder die Unterlagen unserem Jüdischen Museum anvertraut hat, meint sie: 

"Nach seinem Tod habe ich überlegt, dass ich Wolfgangs Archiv – Familienfotos, Dokumente zur Familien- und seiner Verfolgungsgeschichte, Zeitungsausschnitte, Reden – nicht bei mir behalten, sondern an einen Ort geben sollte, an dem sie gut verwahrt sind, zugleich aber für Bildungsprojekte zur Verfügung stehen. Es gab mehrere Interessenten, auch aus dem Ausland; aber als ich erfuhr, dass das Jüdische Museum Frankfurt sein Archiv künftig für die Arbeit an Projekten unterschiedlicher Art öffnen wolle, war klar: Das Museum ist der ideale Ort. Wolfgang war Frankfurter mit Leib und Seele; zu jeder Ecke in der Stadt konnte er Geschichten erzählen. Ich weiß: Er wäre glücklich damit. Es ist in seinem Sinn."

Leder arbeitete viele Jahre als Journalistin beim Hessischen Rundfunk. Ihre berufliche Expertise und eine große Portion Sympathie waren es vermutlich, die Wolfgang Lauinger bereits kurz nach ihrem Kennenlernen dazu brachte, sie zu fragen, ob sie die Geschichte seines Vaters Artur aufschreiben wolle. Leder sagte zu, doch schien ihr nach intensiven Gesprächen die Geschichte von Wolfgang Lauinger mindestens so interessant wie die des Vaters. Sie überzeugte ihn daher, die Geschichte von Vater und Sohn aufzuschreiben. Nach 13 Jahren intensiver Treffen, Interviews und Recherchen erschien ihr Buch Lauingers. Eine Familiengeschichte aus Deutschland im Leipziger Hentrich&Hentrich Verlag. Es erzählt von der Familie Lauinger aus den Perspektiven von Vater und Sohn.

Über Vater und Sohn

Wehrpass von Wolfgang Lauinger (Vorderseite)
Lauinger wird 1940 zur Wehrmacht eingezogen, wegen der jüdischen Herkunft seines Vaters aber wieder entlassen. Da der Wehrpass mit Entlassungsnotiz den Grund seiner Entlassung nur verschlüsselt angibt, dient es Wolfgang Lauinger als elementares Dokument bei Kontrollen während des Zweiten Weltkriegs. Leihgabe Dr. Bettina Leder, © JMF

Der Vater Artur Lauinger war Journalist und arbeitete 30 Jahre lang für die Frankfurter Zeitung – der Vorgängerin der FAZ –, bevor er 1937 als vermutlich letzter jüdischer Journalist in Deutschland seines Amtes enthoben wurde. Vor allem war Artur Lauinger aber ein Vater, der seine beiden Söhne nach der Scheidung von seiner nichtjüdischen Frau im Jahr 1924 zu sich nahm – eine damals wie heute ungewöhnliche Entscheidung. Und doch ließ er schließlich den nicht ganz volljährigen Wolfgang zurück, als er 1939 nach London floh, da er meinte, sein Sprössling müsse dem Vaterland dienen und – Hitler hin oder her – in die Wehrmacht eintreten.

Solche Widersprüche haben Wolfgang Lauinger lebenslang beschäftigt, wie sich Bettina Leder gut erinnert:
"In den 20 Jahren unserer Freundschaft hat Wolfgang Lauinger vor allem versucht, sein eigenes Leben zu verstehen. Er verehrte seinen Vater sehr; aber wie hatte es sein können, dass dieser hoch gebildete, intelligente Mann Hitler lange als eine vorübergehende Erscheinung angesehen hatte? Wie hatte es dazu kommen können, dass in der Bundesrepublik nach dem Krieg viele Nazis erneut hohe Positionen besetzten? Dass der alte Homosexuellenparagraph unverändert geblieben war? Dass sein Vater die Homosexualität seines Sohnes nicht hatte akzeptieren können und ihn verraten und im Stich gelassen hatte? Warum gibt es auch heute wieder viele Menschen, die zusehen, wenn andere schlecht behandelt und diskriminiert werden? Wie kann es sein, dass viele einfach nur zusehen, wenn mit der AfD eine mindestens reaktionäre Partei stärker wird? Das waren Fragen, die ihn beschäftigten, bis er starb. Sein eigenes Leben sah er als ein historisch-politisches Lehrstück an, nur deshalb hat er Privates öffentlich gemacht. Er wollte vor allem jungen Menschen sagen: Engagiert Euch! Mischt Euch ein! Es ist Eure Demokratie."

Diesem Zweck soll nun auch das Erbe Wolfgang Lauingers in unserem Museumsarchiv dienen.

Highlights des Lauinger Familienarchivs

Schellack-Platte von Tommy Dorsey
Schellack-Platte von Tommy Dorsey and his Orchestra "You leave me breathless Fox trot", 1938 Leihgabe Dr. Bettina Leder, © JMF

Aus den zahlreichen Unterlagen, die unserem Haus anvertraut wurden, sticht ein Dokument besonders hervor: ein 300-seitiges Manuskript von Artur Lauinger, in dem er seine Erinnerungen an seine Lebensgeschichte für die Söhne festhält, damit diese einmal wissen, woher sie kommen. In den Fokus stellt er seinen beruflichen Werdegang bei der Frankfurter Zeitung sowie seinen Einsatz als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg. Die von ihm selbst vorgenommenen intensiven Überarbeitungen des Textes weisen darauf hin, dass Artur Lauinger einst überlegte, seine Lebensgeschichte publik zu machen. Bewegend ist auch ein Koffer, mit dem Artur Lauinger 1939 nach London auswanderte sowie die dazugehörige Fahrkarte für die Reise ins Exil. Artur Lauinger hob sie auf und ließ sie auch bei seiner Rückkehr nach Deutschland nicht zurück. Eine Sammlung an Korrespondenzen mit Anwälten, der Stadt Frankfurt und der Entschädigungsbehörde Wiesbaden geben Aufschluss über Artur Lauingers Wiedergutmachungsantrag und seinen Kampf um Anerkennung des Leids, das ihm als deutscher Patriot widerfahren war.

Nach seinem Tod bewahrte Wolfgang Lauinger diese und zahlreiche andere Erinnerungen des Vaters auf. Und er ergänzte sie um Zeugnisse seiner eigenen Geschichte, beispielsweise seinen Kampf um Rehabilitierung, den er bis kurz vor seinem Tod als 99-Jähriger erfolglos führte. Oder eine Original Schellackplatte von Tommy Dorsey and his Orchestra, die an seine Zeit bei der Swing-Jugend erinnert, in der er mit langem Haar "Swing gehört, getanzt und gespielt und lange Mäntel getragen" hatte.

Wolfgang Lauinger wollte, dass seine Geschichte erinnert und erzählt wird. Daher war er viele Jahre als Zeitzeuge aktiv und man konnte ihn als amüsanten Gesprächspartner voller Lebenskraft kennenlernen, der in Frankfurter Dialekt seine besondere Geschichte erzählte. Für seine Freundin Bettina Leder war er ein geliebter, sehr naher Mensch.

"Ich mochte seinen beweglichen Geist, seine Neugier und seinen Witz. Und dass er zu leben verstand – mit einem offenen Haus, einem offenen Herzen und einem großen Freundeskreis."

Wer wie ich nicht das Glück hatte, Wolfgang Lauinger persönlich zu begegnen, kann diesen beweglichen und humorvollen Geist nun anhand der überlieferten Unterlagen, Erinnerungen und Videoaufnahmen kennenlernen.

Franziska Krah

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Kommentare

Besonders erschreckend ist die Verhaftung und die 8 Monate U- Haft , 1950, im „demokratischen“ Deutschland . Gut das Sie diese Dinge heute an die Öffentlichkeit bringen. Jazz Fans , Existenzialisten mit Bart waren Auch in der BRD nicht beliebt. Un vielen Dingen. Ging es einfach so weiter. Auch die Brüder Mangelsdorf gehörten zu den Kellerkindern 1968 ist nicht ohne Grund entstanden.

25.07.2021 • Wolfgang Jantz

Guten Morgen, Danke für diese Ausstellung in der Sie berichten wie es in der BRG losging. 1950 , Grossrazzia gegen Schwule und 8 Monate U -Haft - Genauso wie im NS Staat. Auch Jazzmusiker und Barträger waren nurbei einer kleinen Gruppe beliebt-Der Bürger muß wirklich wachsam bleiben . Wofgang Jantz

25.07.2021 • Wolfgang Jantz

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