Blick ins Museum Judengasse in Frankfurt am Main

Woher kommen die Objekte?

Provenienz und ihre Erforschung am Museum

Provenienz kommt vom lateinischen provenire = herkommen und bezeichnet die Herkunft von Objekten. In deutschen Museen gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Provenienzforschungsprojekten, die die Objektgeschichten und die ihrer Vorbesitzer*innen sichtbar machen wollen.

Die Provenienzforschung erforscht die Herkunft und den Verbleib der Objekte, bevor sie ins Museum kamen. Dabei stellen sich folgende Fragen: Wer hat das Objekt wann und wo für wen hergestellt? Gab es (Vor-) Besitzer*innen und wer waren sie? Die Provenienzforschung konzentriert sich bisher besonders auf die Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945. Sie versucht all jene Objekte zu identifizieren, die in dieser Zeit verfolgungsbedingt entzogen bzw. geraubt wurden. Mit Ausnahme von Werken, die nach 1945 entstanden sind, liegt der Fokus dabei auf jenen Objekten, die zwischen 1933 und heute in die Sammlungen der Museen gekommen sind.

Provenienzforschung am Jüdischen Museum

Tora-Schild, 19. Jahrhundert, Silber
Wem gehörte einst dieses silberne Thora-Schild aus dem 19. Jahrhundert?

Die Ausgangslage der Provenienzforschung am Jüdischen Museum Frankfurt unterscheidet sich von anderen Museen: wir erforschen nicht die eigene Institutionsgeschichte und Erwerbspraxis zwischen 1933 und 1945. Vielmehr sind die Judaica Objekte im 1988 eröffneten Museum Überreste und Stellvertreter einer einstmals bedeutenden Kultur. So stammen Teile unserer Judaica-Sammlung aus dem 1922 eröffneten Frankfurter Museum Jüdischer Altertümer, das 1938 während der Novemberpogrome geplündert und zerstört wurde. Bei Objekten, die wahrscheinlich jüdische Vorbesitzer hatten, ist die Möglichkeit eines Raubes zwischen 1933 und 1945 deutlich erhöht.

Schwierige Forschung zu Judaica-Objekten

Rückseite des silbernen Thora-Schildes
Auf der Rückseite des oben gezeigten Thora-Schildes findet sich eine Altsignatur aus dem Historischen Museum Frankfurt - ein wichtiger Anhaltspunkt für die Erforschung seiner Provenienz.

Die Erforschung von Judaica-Objekten ist aus mehreren Gründen schwierig: jüdische Zeremonialobjekte sind, ähnlich wie kunstgewerbliche oder ethnologische Objekte, von einer großen regional geprägten Material- und Stilvielfalt. Die Hersteller sind meist nicht bekannt, oft stammen sie aus serieller Fertigung. Da sie keinen hohen Geldwert haben, sind sie schlecht dokumentiert. In dem bis 1938 in Frankfurt existierenden Museum jüdischer Altertümer waren viele Leihgaben der Israelitischen Gemeinde und von Privatpersonen ausgestellt. Da das Gemeindearchiv wie auch die Unterlagen des Museum in der Nacht vom 9. zum 10. November vernichtet worden sind, ist die Dokumentation von Objekten aus dieser Überlieferung nicht mehr vorhanden.

Ein weiteres Problem ist die sehr lückenhafte Grundlagenforschung zu Judaica. Es fehlt an notwendigem Wissen beispielsweise über den Handel und den Markt von Judaica nach 1945.

Wer gerne mehr über Provenienzforschung erfahren möchte, findet nachfolgend weiterführende Informationen und Rechercheangebote.

Washingtoner Erklärung

Mit dieser rechtlich nicht bindenden Verpflichtung gewann die Provenienzforschung an Museen und Sammlungen große Bedeutung. 1998 wurde sie von 44 Staaten und zwölf nichtstaatlichen Organisationen unterzeichnet, darunter auch Deutschland. Die Unterzeichner verpflichten sich, Objekte, die während des Nationalsozialismus beschlagnahmt, bzw. unter Zwang verkauft wurden, in den Museumbeständen ausfindig zu machen, deren rechtmäßige Eigentümer bzw. Erben zu suchen und faire und gerechte Lösungen zu finden.

Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (DZK)

Logo des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste

Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) mit Sitz in Magdeburg wurde am 1. Januar 2015 als rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts gegründet. Ebenso wie seine Vorgängerinstitution, die Arbeitsstelle für Provenienzforschung ab 2008, fördert das DZK Provenienzforschung über die Finanzierung von kurz- und langfristigen Projekten an öffentlichen und privaten Einrichtungen. Der Großteil der an deutschen Museen betriebenen Provenienzforschung wird über  Projektförderung durch das DZK finanziert. Auch das Projekt am Jüdischen Museum Frankfurt, bei dem wir von Mai 2018 bis April 2020 die Herkunft von Objekten aus der Judaica-Sammlung erforscht haben, konnten wir dank der Förderung durch das DZK realisieren.

Lost Art

Die Lost Art-Datenbank ist die zentrale Datenbank für NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut und ist dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DKZ) angegliedert. In ihr werden Kriegsverluste der Museen, sogenannte Beutekunst und während der NS-Zeit insbesondere jüdischen Eigentümern entzogene und geraubte Kulturobjekte eingestellt. Sie gliedert sich in die zwei Bereiche: in den Suchmeldungen können öffentliche Einrichtungen und Privatpersonen Verluste einstellen; in den Fundmeldungen sind Objekte verzeichnet, von denen bekannt ist, dass sie unrechtmäßig entzogen oder kriegsbedingt verlagert worden sind. Wird im Verlauf von Provenienzrecherchen an einem Museum festgestellt, dass ein Objekt der Sammlung unrechtmäßig entzogen wurde, wird dieses bei Lost Art eingestellt.

Leitfaden Provenienzforschung

Der Leitfaden Provenienzforschung wurde in gemeinsamer Arbeit von mehreren Institutionen erarbeitet: dem Arbeitskreis Provenienzforschung e.V., dem Arbeitskreis Provenienzforschung und Restitution – Bibliotheken, dem Deutschen Bibliotheksverband e.V., ICOM Deutschland e.V. und dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Er ist stark praxisorientiert und richtet sich an alle, die sich in ihren Institutionen mit Fragen der Provenienz von Kulturgütern befassen. Mit Fallbeispielen und der Zusammenstellung relevanter Adressen, Quellen und Internetzugängen ist der Leitfaden gerade bei der anfänglichen Beschäftigung mit dem Thema äußerst hilfreich.