
Rund 50.000 Menschen überlebten versteckt die Verfolgungen in Polen und der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs. Die meisten von ihnen waren jüdisch. Baumhöhlen, Wandschränke, Keller, Kanalisationsschächte, leere Gräber und andere prekäre Orte dienten ihnen als Zuflucht. Die Ausstellung „Architekturen des Überlebens“ von Natalia Romik nimmt eine Würdigung dieser fragilen Orte vor und kreist um deren Physis. Die Ausstellung eröffnet grundlegende Fragen zum Verhältnis zwischen Architektur, Privatheit und Öffentlichkeit, thematisiert die Schutzfunktion von Räumen und betont die Kreativität, mit der die Versteckten zu überleben versuchten.
In einem mehrjährigen Forschungsprojekt hat die Künstlerin, Architektin und Historikerin Natalia Romik anhand mündlicher Überlieferungen mehrere Verstecke identifiziert und mit forensischen Methoden untersucht. Die multimediale Ausstellung „Architekturen des Überlebens“ präsentiert das Ergebnis ihrer Forschungen. Die Schau besteht aus Skulpturen, die einen unmittelbaren Zusammenhang mit den Verstecken haben und umfasst dokumentarische Filme und forensische Aufnahmen, Fotos, Dokumente sowie Fundstücke aus den Verstecken.
„Architekturen des Überlebens“ wird Kooperation mit der Zachęta Nationalgalerie für Kunst in Warschau und dem TRAFO-Zentrum für zeitgenössische Kunst in Stettin gezeigt. Anlässlich der ersten Präsentation in Deutschland erscheint ein Katalog in einer deutschen und einer englischen Ausgabe im Hatje Cantz Verlag.
Die Ausstellung wurde von Kuba Szreder und Stanisław Ruksza mithilfe von Aleksandra Janus kuratiert. Katja Janitschek, Kuratorin des Museums Judengasse, hatte die kuratorische Projektleitung inne. Wir danken der Evonik Stiftung für die großzügige Förderung.
Die Ausstellung wurde von Kuba Szreder und Stanisław Ruksza kuratiert. Katja Janitschek, Kuratorin des Museums Judengasse, hatte die kuratorische Projektleitung inne. Wir danken der Jewish Claims Conference und der Evonik Foundation für die großzügige Förderung.
Trailer
Einblick in die Ausstellung „Hideouts. Architecture of Survival“ von Natalia Romik.
Ein Versteck in der Josefseiche
Stellen Sie sich eine imposante Eiche vor, die zu einem Zufluchtsort umgestaltet wurde, indem ihr hohler Stamm fast über seine gesamte Länge zu einem bewohnbaren Schornstein ausgebaut wurde. Die über 650 Jahre alte Josefseiche steht im Park des Schlosses von Wiśniowa im Karpatenvorland. Die Dorfgemeinschaft hat die Geschichte überliefert, dass der Baum zwei jüdischen Brüdern, Dawid und Paul Denholz, als Versteck diente, was auch durch den Bericht eines Journalisten namens Julian Pelc aus der Nachkriegszeit bestätigt wird.
Vom Versteck zur Skulptur
Knapp ein Millimeter Silber
Die Ausstellung besteht aus insgesamt neun Skulpturen, die aus Abgüssen von charakteristischen Elementen aus neun Verstecken gewonnen wurden. Die Skulpturen haben unterschiedliche Größen und – je nach Abguss – unterschiedlich starke Bezüge zum jeweiligen Versteck. Sie weisen alle eine versilberte sowie eine dunkle Seite auf. Die unterschiedlichen Oberflächen der Skulpturen spielen auf den Aspekt der (Un-)Sichtbarkeit als wesentliche Eigenschaft der architektonischen Form von Verstecken an. Um als Unterschlupf dienen zu können, mussten die architektonischen und natürlichen Umgebungen visuell unverändert bleiben: ein Baum musste wie ein Baum aussehen, ein Boden wie ein normaler Boden und ein Schrank wie ein gewöhnliches Möbelstück. Ihre architektonische Funktion hingegen änderte sich dramatisch: Der Hohlraum im Baum diente als Zufluchtsort, der unsichtbare Keller als Wohnraum für eine ganze Familie, der Schrank als Versteck.
Die für die Ausstellung geschaffenen künstlerischen Formen sollen den paradoxen Charakter dieser Architektur hervorheben. Die mit poliertem Silber überzogenen Abgüsse von Verstecken erhielten reflektierende, spiegelähnliche Oberflächen. Spiegel haben keine eigene visuelle Substanz; sie reflektieren die Bilder ihrer Umgebung und verschmelzen teils mit ihnen. So reflektieren auch Romiks Skulpturen das Licht des Raums, in dem wir uns befinden, und unser eigenes Spiegelbild. „Du siehst dich selbst in mir“, scheinen die Abgüsse der Verstecke zu sagen, „aber ich bin auch die Oberfläche, die jene gesehen haben, die zu überleben hofften, und ich spiegele ihre Anwesenheit zu dir zurück.“
Die ersten Untersuchungen an der Eiche nahmen Natalia Romik und ihr Forscher:innen-Team im August 2019 vor. Sie hatten von der örtlichen Bevölkerung erfahren, dass sich in dem Baum während des Zweiten Weltkriegs zwei Brüder versteckt hätten und gingen diesen Erzählungen auf den Grund. In Begleitung des Botanikers Jerzy Bielczyk nutzten sie eine LKW-Hebebühne, um durch ein Loch in den Hohlraum des Baumes zu schauen und eine Endoskopkamera einzuführen. Es stellte sich heraus: im Inneren der Eiche waren mehrere Bretter als Stufen angebracht, gehalten von Metallbügeln – zweifellos aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es handelte sich um die Spuren des Verstecks der Brüder Denholz.
Für Dawid und Paul Denholz aus dem nahe gelegenen Ort Frysztak diente die Josefseiche wahrscheinlich eines von vielen Zufluchtsorten. Nachdem sie 1942 aus dem Konzentrationslager Plaszow in Krakau fliehen konnten, versteckten sie sich in den umliegenden Wäldern, Feldern und Bauernhöfen. Sie waren die einzigen Familienmitglieder, die den Krieg überlebten, und emigrierten nach Kriegsende in die USA. Nach der ersten Exkursion zu der Eiche folgten weitere Besuche, an denen verschiedene Mitglieder des Forscher:innenteams teilnahmen und bei denen erstmals ein umfassender Überblick über den Ort erstellt wurde. Was die Archive nicht verrieten, konnte durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Forscher:innen herausgefunden werden.
Steht man vor dem Kunstharz-Abguss eines Teils der monumentalen Josefseiche, sieht man zunächst die versilberte Vorderseite. Die Rückseite dagegen hat die Farbe und Struktur von Erde. Die Oberflächentextur der Vorderseite bildet die beeindruckend filigrane Struktur des Baumstamms ab und ähnelt dabei gleichzeitig versilberter menschlicher Haut, um ein Vielfaches vergrößert. Im oberen Teil des Fragments befindet sich ein natürliches Loch, das vor einigen Jahrzehnten ungefähr den Umfang eines Menschen gehabt haben dürfte. Der schillernde Glanz der Vorderseite, die ihre Umgebung wie in einem Spiegel reflektiert, scheint von Licht, Tag, Sonne, Bewegung, Überleben und Leben zu künden, während ihre erdige Rückseite, dunkelbraun und harzig, die Erde, das Trauma, die Dunkelheit und den Tod beschwört.
Impressionen
Interview mit Projektleiterin Katja Janitschek
In hr2-kultur spricht Katja Janitschek über das Projekt und die Ausstellung.
Ausstellungsort:
Jüdisches Museum Frankfurt
Heute geöffnet: 10:00 – 18:00
- Museumsticket (Dauerausstellung Jüdisches Museum+Museum Judengasse) regulär/ermäßigt12€ / 6€
- Kombiticket (Wechselausstellung + Museumsticket) regulär/ermäßigt14€ / 7€
- Wechselausstellung regulär/ermäßigt10€ / 5 €
- Familienkarte20€
- Frankfurt Pass/Kulturpass1€
- Am letzten Samstag des MonatsFrei
(ausgenommen Teilnehmer gebuchter Führungen)
- Eintritt nur Gebäude (Life Deli/Museumshop/Bibliothek)Frei
Freien Eintritt in die Ausstellungen genießen:
Mitglieder des Fördervereins
Geburtstagskinder jeden Alters
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre
Studenten der Goethe-Uni / FH / HfMDK
Auszubildende aus Frankfurt
Geflüchtete
Inhaber von Museumsufer-Card oder Museumsufer-Ticket
Inhaber der hessischen Ehrenamts-Card
Mitglieder von ICOM oder Museumsbund
Ermäßigung genießen:
Studenten / Auszubildende (ab 18 Jahren)
Menschen mit Behinderung ab 50 % GdB (1 Begleitperson frei)
Freiwilligendienstleistende (Freiwilliges Soziales Jahr, Freiwilliges Ökologisches Jahr, Bundesfreiwilligendienst oder Internationaler Jugendfreiwilligendienst)
Arbeitslose
Inhaber der Frankfurt Card
Bertha-Pappenheim-Platz 1, 60311 Frankfurt am Main
