Aktuelle Ausstellung

Natalia Romik. Architekturen des Überlebens

Geschichte – Kunst – Forensik / 01.03.2024 - 01.09.2024

Die multimediale Ausstellung „Natalia Romik. Architekturen des Überlebens“ ist eine Hommage an die ad hoc geschaffenen Verstecke von polnischen Jüdinnen und Juden während der Schoa.

Rund 50.000 Menschen überlebten versteckt die Verfolgungen in Polen und der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs. Die meisten von ihnen waren jüdisch. Baumhöhlen, Wandschränke, Keller, Kanalisationsschächte, leere Gräber und andere prekäre Orte dienten ihnen als Zuflucht. Die Ausstellung „Architekturen des Überlebens“ von Natalia Romik nimmt eine Würdigung dieser fragilen Orte vor und kreist um deren Physis. Die Ausstellung eröffnet grundlegende Fragen zum Verhältnis zwischen Architektur, Privatheit und Öffentlichkeit, thematisiert die Schutzfunktion von Räumen und betont die Kreativität, mit der die Versteckten zu überleben versuchten.

In einem mehrjährigen Forschungsprojekt hat die Künstlerin, Architektin und Historikerin Natalia Romik anhand mündlicher Überlieferungen mehrere Verstecke identifiziert und mit forensischen Methoden untersucht. Die multimediale Ausstellung „Architekturen des Überlebens“ präsentiert das Ergebnis ihrer Forschungen. Die Schau besteht aus Skulpturen, die einen unmittelbaren Zusammenhang mit den Verstecken haben und umfasst dokumentarische Filme und forensische Aufnahmen, Fotos, Dokumente sowie Fundstücke aus den Verstecken.

„Architekturen des Überlebens“ wird Kooperation mit der Zachęta Nationalgalerie für Kunst in Warschau und dem TRAFO-Zentrum für zeitgenössische Kunst in Stettin gezeigt. Anlässlich der ersten Präsentation in Deutschland erscheint ein Katalog in einer deutschen und einer englischen Ausgabe im Hatje Cantz Verlag.

Die Ausstellung wurde von Kuba Szreder und Stanisław Ruksza mithilfe von Aleksandra Janus kuratiert. Katja Janitschek, Kuratorin des Museums Judengasse, hatte die kuratorische Projektleitung inne. Wir danken der Evonik Stiftung für die großzügige Förderung.

Ein Versteck in der Josefseiche

Die Josefseiche in Wiśniowa (Polen), Foto: Natalia Romik, 2021.

Stellen Sie sich eine imposante Eiche vor, die zu einem Zufluchtsort umgestaltet wurde, indem ihr hohler Stamm fast über seine gesamte Länge zu einem bewohnbaren Schornstein ausgebaut wurde. Die über 650 Jahre alte Josefseiche steht im Park des Schlosses von Wiśniowa im Karpatenvorland. Die Dorfgemeinschaft hat die Geschichte überliefert, dass der Baum zwei jüdischen Brüdern, Dawid und Paul Denholz, als Versteck diente, was auch durch den Bericht eines Journalisten namens Julian Pelc aus der Nachkriegszeit bestätigt wird.

Die ersten Untersuchungen an der Eiche nahmen Natalia Romik und ihr Forscher:innen-Team im August 2019 vor. Sie hatten von der örtlichen Bevölkerung erfahren, dass sich in dem Baum während des Zweiten Weltkriegs zwei Brüder versteckt hätten und gingen diesen Erzählungen auf den Grund. In Begleitung des Botanikers Jerzy Bielczyk nutzten sie eine LKW-Hebebühne, um durch ein Loch in den Hohlraum des Baumes zu schauen und eine Endoskopkamera einzuführen. Es stellte sich heraus: im Inneren der Eiche waren mehrere Bretter als Stufen angebracht, gehalten von Metallbügeln – zweifellos aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es handelte sich um die Spuren des Verstecks der Brüder Denholz.

Für Dawid und Paul Denholz aus dem nahe gelegenen Ort Frysztak diente die Josefseiche wahrscheinlich eines von vielen Zufluchtsorten. Nachdem sie 1942 aus dem Konzentrationslager Plaszow in Krakau fliehen konnten, versteckten sie sich in den umliegenden Wäldern, Feldern und Bauernhöfen. Sie waren die einzigen Familienmitglieder, die den Krieg überlebten, und emigrierten nach Kriegsende in die USA. Nach der ersten Exkursion zu der Eiche folgten weitere Besuche, an denen verschiedene Mitglieder des Forscher:innenteams teilnahmen und bei denen erstmals ein umfassender Überblick über den Ort erstellt wurde. Was die Archive nicht verrieten, konnte durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Forscher:innen herausgefunden werden.

Steht man vor dem Kunstharz-Abguss eines Teils der monumentalen Josefseiche, sieht man zunächst die versilberte Vorderseite. Die Rückseite dagegen hat die Farbe und Struktur von Erde. Die Oberflächentextur der Vorderseite bildet die beeindruckend filigrane Struktur des Baumstamms ab und ähnelt dabei gleichzeitig versilberter menschlicher Haut, um ein Vielfaches vergrößert. Im oberen Teil des Fragments befindet sich ein natürliches Loch, das vor einigen Jahrzehnten ungefähr den Umfang eines Menschen gehabt haben dürfte. Der schillernde Glanz der Vorderseite, die ihre Umgebung wie in einem Spiegel reflektiert, scheint von Licht, Tag, Sonne, Bewegung, Überleben und Leben zu künden, während ihre erdige Rückseite, dunkelbraun und harzig, die Erde, das Trauma, die Dunkelheit und den Tod beschwört.

Knapp ein Millimeter Silber

Skulptur eines Fragments der Höhle Verteba (Ukraine), Foto: Andrzej Golc, Zentrum für zeitgenössische Kunst TRAFO in Szczecin, 2022.

Die Ausstellung besteht aus insgesamt neun Skulpturen, die aus Abgüssen von charakteristischen Elementen aus neun Verstecken gewonnen wurden. Die Skulpturen haben unterschiedliche Größen und – je nach Abguss – unterschiedlich starke Bezüge zum jeweiligen Versteck. Sie weisen alle eine versilberte sowie eine dunkle Seite auf. Die unterschiedlichen Oberflächen der Skulpturen spielen auf den Aspekt der (Un-)Sichtbarkeit als wesentliche Eigenschaft der architektonischen Form von Verstecken an. Um als Unterschlupf dienen zu können, mussten die architektonischen und natürlichen Umgebungen visuell unverändert bleiben: ein Baum musste wie ein Baum aussehen, ein Boden wie ein normaler Boden und ein Schrank wie ein gewöhnliches Möbelstück. Ihre architektonische Funktion hingegen änderte sich dramatisch: Der Hohlraum im Baum diente als Zufluchtsort, der unsichtbare Keller als Wohnraum für eine ganze Familie, der Schrank als Versteck.

Die für die Ausstellung geschaffenen künstlerischen Formen sollen den paradoxen Charakter dieser Architektur hervorheben. Die mit poliertem Silber überzogenen Abgüsse von Verstecken erhielten reflektierende, spiegelähnliche Oberflächen. Spiegel haben keine eigene visuelle Substanz; sie reflektieren die Bilder ihrer Umgebung und verschmelzen teils mit ihnen. So reflektieren auch Romiks Skulpturen das Licht des Raums, in dem wir uns befinden, und unser eigenes Spiegelbild. „Du siehst dich selbst in mir“, scheinen die Abgüsse der Verstecke zu sagen, „aber ich bin auch die Oberfläche, die jene gesehen hat, die zu überleben hofften, und ich spiegele ihre Anwesenheit zu dir zurück.“

 

Ausstellungskatalog

Zur Ausstellung erschient ein Katalog im Verlag Hatje Cantz mit Texten von Tim Cole, Gabriel Heim, Jonathan Hill, Alistair Hudson, Alexandra Janus, Luiza Nader, Taras Nazaruk, Natalia Romik, Kuba Szreder, Mirjam Wenzel.

Cover des Ausstellungskatalogs

Öffentliche Führungen

Öffentliche Führungen durch die Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt finden ab 3. März 2024 jeweils sonntags um 11 Uhr und donnerstags um 18 Uhr statt. Die Teilnahme ist im Museumseintritt inbegriffen. Wir bitten um Anmeldung an: besuch.jmf@stadt-frankfurt.de

Begleitprogramm

Ausstellungsort:
Jüdisches Museum Frankfurt

Heute geöffnet: 10:00 – 17:00

  • Museumsticket (Dauerausstellung Jüdisches Museum+Museum Judengasse) regulär/ermäßigt
    12€ / 6€
  • Kombiticket (Wechselausstellung + Museumsticket) regulär/ermäßigt
    14€ / 7€
  • Wechselausstellung regulär/ermäßigt
    10€ / 5 €
  • Familienkarte
    20€
  • Frankfurt Pass/Kulturpass
    1€
  • Am letzten Samstag des Monats
    Frei
  • (ausgenommen Teilnehmer gebuchter Führungen)

  • Eintritt nur Gebäude (Life Deli/Museumshop/Bibliothek)
    Frei
  •  

  • Freien Eintritt genießen:

  • Mitglieder des Fördervereins

  • Geburtstagskinder jeden Alters

  • Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre

  • Studenten der Goethe-Uni / FH / HfMDK

  • Geflüchtete

  • Inhaber von Museumsufer-Card oder Museumsufer-Ticket

  • Inhaber der hessischen Ehrenamts-Card

  • Mitglieder von ICOM oder Museumsbund

  •  

  • Ermäßigung genießen:

  • Studenten / Auszubildende (ab 18 Jahren)

  • Menschen mit Behinderung ab 50 % GdB (1 Begleitperson frei)

  • Wehr- oder Zivildienstleistende / Arbeitslose

  • Inhaber der Frankfurt Card

Link zum Standort Link zum Standort

Bertha-Pappenheim-Platz 1, 60311 Frankfurt am Main

Routenplaner