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Rache

Geschichte und Fantasie / 18.03.2022 - 03.10.2022

Von Gott zu Quentin Tarantino: Eine außergewöhnliche Ausstellung mit begleitendem Buch und Podcast nimmt erstmals den Topos "Rache" in der jüdischen Kulturgeschichte in den Blick. Eröffnet wird eine neue Perspektive, die einen Bogen von biblischen Geschichten über rabbinische Schriften, jüdische Legenden und judenfeindliche Mythen bis hin zu jüdischen Outlaws spannt. Ihren Ausgangspunkt bilden populärkulturelle Erzählungen, ihren Fluchtpunkt letzte Zeugnisse der Ermordeten und die Frage der Gerechtigkeit nach der Schoa.

Baseballschläger des Bear Jew aus Inglourious Basterds, Originalrequisit, Jüdisches Museum Wien, Foto © Lukas Pichelmann
Baseballschläger des Bear Jew aus Inglourious Basterds, Originalrequisit, Jüdisches Museum Wien, Foto © Lukas Pichelmann

Rache ist ein schillernder Begriff. Er evoziert Gefühle, Assoziationen und Erinnerungen an kulturgeschichtliche Überlieferungen. Rachehandlungen üben Vergeltung für Demütigung, Entrechtung, Gewalt und Mord. Sie folgen einer Logik von Gerechtigkeit, die außerhalb der heute geltenden Rechtsordnung liegt. Das war nicht immer so. In der Antike galt gemeinhin das Rechtsprinzip, dass Gleiches mit Gleichem zu vergelten sei. Dieses Rechtsprinzip liegt auch der Wendung "Auge um Auge, Zahn um Zahn" in der Tora zugrunde, das die Aufforderung beinhaltet, Schadenersatz zu leisten.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Foto von Salomea Ochs
Salomea Ochs schrieb kurz vor ihrer Ermordung 1943 einen Abschiedsbrief, dessen letzte Worte lauten: „wenn Ihr könnt, dann nehmt einst Rache“, 1936, Ram Ben-Shalom, Tel Aviv, Israel

Im Mittelalter diente dieser Satz der christlichen Kirche als Beweis für die Rachsucht von Jüdinnen und Juden. Auch nach der Schoa war die Angst groß, dass jüdische Überlebende Vergeltung üben könnten. Tatsächlich fanden nur Rachehandlungen an nationalsozialistischen Tätern statt. Die Mehrzahl der Überlebenden und Hinterbliebenen wartet noch immer darauf, dass der systematische Raub und Massenmord angemessen geahndet wird. Dieses Ausbleiben von Gerechtigkeit wirkt bis heute nach. Und beflügelt die Fantasie.

Zur Ausstellung

Foto des Baseballschlägers des Bear Jew aus Inglourious Basterds
Baseballschläger des Bear Jew aus Inglourious Basterds, Originalrequisit, Jüdisches Museum Wien, Foto © Lukas Pichelmann

Die Ausstellung "Rache: Geschichte und Fantasie" präsentiert verschiedene Formen der Selbstermächtigung von Jüdinnen und Juden in Reaktion auf die Erfahrung von Diskriminierung und Gewalt. Sie beginnt mit einem Requisit aus Quentin Tarantinos Film "Inglourious Basterds" und endet mit einer Videoinstallation zu Rachedarstellungen in der Popkultur. Neben biblischen Figuren geht der Rundgang sowohl auf rabbinische Schriften als auch auf judenfeindliche Verschwörungsmythen ein. Er thematisiert Legendenfiguren wie Lilith und Golem ebenso wie jüdische "Outlaws", die sich als Piraten und Räuber oder "Kosher Nostra" organisieren.

Die Rache ist mein

Gemälde von Jacopo Ligozzi (1547 - 1627), Judith und Holofernes
Jacopo Ligozzi (1547 - 1627), Judith und Holofernes, 1602, Öl auf Leinwand, 97 x 79 cm, Galleria degli Uffizi, Florenz

Die Hebräische Bibel enthält zahlreiche Geschichten in denen Gott selbst Vergeltung übt: etwa die Sintflut, die zehn Plagen, die er den Ägyptern schickt, oder den Untergang von Sodom und Gomorrha. Sie berichtet auch von Rachehandlungen einzelner Personen, die im Sinne Gottes sind. Zwei dieser Rächer werden sowohl in der jüdischen wie auch der christlichen Überlieferung als Helden verehrt: Judith und Simson oder Samson. Mit ihren Rachehandlungen führen sie entscheidende Wendungen in Kriegen herbei. Judith enthauptet Holofernes, den Anführer des assyrischen Heeres, Samson bringt den Tempel der Philister zum Einsturz und tötet alle Feinde, die sich darin befinden. Die Geschichten von Judith und von Samson werden bis heute immer wieder neu dargestellt - in Kunst, Literatur und Populärkultur.

Gieße deinen Zorn aus!

Ausschnitt aus der Frankfurter Pessach Haggada von 1731
Illustration mit dem Vers „Schfoch Chamatcha“ (Gieße deinen Zorn aus), Frankfurter Pessach-Haggada, geschrieben und illustriert von Jakob Michael May Segal (gest. 1768), Frankfurt am Main, 1731, Pergament, Tinte, Wasserfarben, Jüdisches Museum Frankfurt, Schenkung von Ignatz Bubis, Foto: Horst Ziegenfusz

Das rabbinische Judentum interpretiert die biblischen Texte weiter. Dabei wird zunehmend die Fähigkeit des jüdischen Volkes betont, Unrecht zu ertragen und auf die messianische Erlösung zu warten. Erst wenn ein gewisses Maß an Leiden erreicht ist, wird Gott, so die gängige Auffassung, in die Geschichte eingreifen und Rache an den Peinigern seines Volkes üben. In der rabbinischen Überlieferung, den traditionellen Gebeten und der liturgischen Praxis spielen Bitten um göttliche Vergeltung deshalb durchaus eine Rolle. Von der christlichen Kirche wurde die rabbinische Überlieferung immer wieder umgedeutet und zur Legitimation von judenfeindlichen Gewalthandlungen herangezogen.

Wut und Wehrhaftigkeit

Gemälde von Shoshannah Brombacher, The Golem of Charlottesville. A Jewish Answer to the Riots, 2020
Shoshannah Brombacher, The Golem of Charlottesville. A Jewish Answer to the Riots, 2020, Kreide und Tinte auf Papier, 42 x 28 cm, Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Herbert Fischer

Um die Figuren Lilith und Golem ranken sich viele Legenden. Lilith war die erste Frau Adams. Im jüdischen Brauchtum gilt sie als eine Rächerin, die Wöchnerinnen und Jungen vor der Beschneidung mit dem Tod bedroht. Der aus Lehm geschaffene Golem ist eine legendäre Figur aus dem Mittelalter, die damals Schöpfungskraft symbolisiert. Später entwickelt er sich zu einem Rächer mit übermenschlichen Kräften, der die jüdische Gemeinschaft beschützt.

Die Interpretationen von Golem und Lilith verändern sich im Wandel der Zeit. Der Golem wird nach 1945 in Comics und anderen populärkulturellen Erzählungen zu einer Figur, die sich für die Gräuel der Nationalsozialisten rächt. Lilith hingegen wandelt sich von der Dämonin, die es mit Amuletten abzuwehren gilt, in den 1960er Jahren zu einer Identifikationsfigur der Zweiten Frauenbewegung.

Outlaws: Räuber, Gangster und Piraten

In Mittelalter und Früher Neuzeit wurden Jüdinnen und Juden vielerorts gewaltsam vertrieben und verfolgt. Auch die Ausübung vieler Berufe war ihnen verwehrt.  Vielen blieb daher nichts anders übrig, als sich selbst zu organisieren – jenseits der geltenden Rechtsordnung. Nach der Vertreibung aus Spanien überfielen sephardische Juden als Piraten die Schiffe der Spanischen Krone. Während der Frühen Neuzeit organisierten sich die sogenannten "Betteljuden" auch in vagabundierenden Banden, die im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation Raubüberfälle ausübten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts taten sich jüdische Einwanderer an der US-amerikanischen Ostküste in Gangs zusammen, die ihren eigenen Gesetzen folgten, um die Armut zu überwinden. Am bekanntesten war die "Kosher Nostra", die unter anderem die nationalsozialistische Bewegung in den USA bekämpfte

Nakam!

Foto von Abba Kovner mit Ruska Korczak
Abba Kovner mit Ruska Korczak (links) und Vitka Kempner (rechts) am Tag der Befreiung in Vilna, Juli 1944, United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Vitka Kempner Kovner, Foto: Ilya Ehrenberg

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam es zu wenigen, spontanen Racheakten durch Überlebende in den Konzentrationslagern, jüdische Partisanen und Angehörige der alliierten Armeen an KZ-Aufsehern oder Mitgliedern von SS und SA. Die prominentesten Rächerinnen und Rächer war die Gruppe um den Partisanen und Schriftsteller Abba Kovner. Sie diskutierten zwei Rachepläne: Plan A sah vor, das Trinkwasser in mehreren deutschen Großstädten zu vergiften. Als dieser Plan fehlschlug, wurde Plan B in die Tat umgesetzt: In einer Bäckerei wurden Brote mit dem Gift Arsen bestrichen und anschließend in ein Lager mit deutschen Kriegsgefangenen geliefert. Es ist bis heute umstritten, wie folgenreich diese Aktion war.

Archiv der Gegenwart

Filmstill aus der Videoinstallation Revenge, 2022, Daniel Laufer
Filmstill aus der Videoinstallation Revenge, 2022, Daniel Laufer, 3-Kanal Videoinstallation, © Daniel Laufer

Fiktive Rachehandlungen erfreuen sich in der Popkultur großer Popularität. Vom Comic über den Popsong bis zum Film und zum Computerspiel: Überall wimmelt es von Figuren mit besonderen Kräften, die im Namen der Entrechteten Rache an ihren Peinigern üben. Der in Berlin lebende Künstler Daniel Laufer hat für die Ausstellung eine 3-Kanal-Videoinstallation mit popkulturellen Erzählungen von Rachehandlungen entwickelt. Seine Arbeit fragt nach der Aktualität von jüdischen Rachevorstellungen in der postnationalsozialistischen Gesellschaft.

Der letzte Raum der Ausstellung lädt dazu ein, sich selbst Gedanken zu machen. Hier haben Sie Gelegenheit, sich in Bücher und Zeitdokumente zu vertiefen, Comics und Filmausschnitten anzusehen oder ein Computergame zu spielen. Hier können Sie mit anderen Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch kommen, an Workshops oder Kurator*innen-Gesprächen teilnehmen oder den Dialog zwischen Kurator und Direktorin fortsetzen, der die Ausstellung durchzieht. Hier sind Sie gefragt.

Gemischte Gefühle und Mixed Media: Artists in Residencies

Die Ausstellung präsentiert historische Dokumente und Fotos, Werke der Bildenden Kunst, zeremonielle Gegenstände und jüdische Schriften, graphische Literatur, Film- und Videoarbeiten in einer szenischen Ausstellungsarchitektur. Vieles von dem, was hier zu sehen ist, wirft ein neues Licht auf bekannte Erzählungen oder bislang weniger bekannte Geschichten. Und weckt gemischte Gefühle. Diese waren von jeher schon ein Gegenstand der Bildenden Kunst. Wir haben daher fünf Künstler*innen eingeladen, sich im Rahmen von Residencies mit der Ausstellung, ihrem Thema und ihren Besucher*innen zu beschäftigen. Die Ergebnisse dieser Beschäftigung werden Sie vor Ort und auf dieser Website wiederfinden.

Ausstellungskatalog

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Begleitband im Hanser-Verlag mit Beiträgen nahmafter Autor*innen. Er wird von Max Czollek, Lyriker, Publizist und Ideengeber der Ausstellung, Museumsdirektorin Mirjam Wenzel und Kurator Erik Riedel herausgegeben.

Katalogcover "Rache. Geschichte und Fantasie"

Begleitprogramm

Der Podcast „Rache. Geschichte und Fantasie“ widmet sich in sieben Folgen einzelne Aspekten der Ausstellung und spielt geballtes Empowerment in den Äther, mit erlesenen Gästen wie Rabbiner Julien-Chaim Soussan, Lea Wohl von Haselberg, Arkadij Khaet und Daniel Kahn, dem Verfasser des Songs Six Million Germans. Demnächst zu finden überall wo es Podcasts gibt, u.a. auf Soundcloud.

Das umfangreiche Begleitprogramm zur Ausstellung umfasst Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen, Performances, Diskussionsveranstaltungen, Workshops, Führungen und vieles mehr. Werfen Sie einen Blick in den Flyer, den wir dazu zusammengestellt haben oder in unseren Veranstaltungskalender:

Eigens zur Ausstellung hat auch unser FLOWDELI eine neue kulinarische Linie entwickelt.

In unserem Museumsshop, der Literaturhandlung, finden Sie neben dem Buch noch weitere Produkte zur Ausstellung. Schauen Sie auch hier einmal vorbei!

Dank

Wir danken den Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats für Rat und Tat, namentlich

  • Deidre Berger (Vorstandsvorsitzende der Jewish Digital Cultural Recovery Project Foundation)
  • Prof. Dr. Alfred Bodenheimer (Zentrum für Jüdische Studien, Universität Basel),
  • Prof. Dr. Doron Kiesel (Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland)
  • Rabbiner Julien Soussan (Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands)
  • Prof. Dr. Rebekka Voß (Seminar für Judaistik, Universität Frankfurt)

Unser Dank gilt allen Leihgeberinnen und Leihgebern sowie unseren großzügigen Förderern und Unterstützern:

Gefördert von

Ausstellungsort:
Jüdisches Museum Frankfurt

Heute geöffnet: 10:00 – 17:00

  • Museumsticket (Dauerausstellung Jüdisches Museum+Museum Judengasse) regulär/ermäßigt
    12€ / 6€
  • Kombiticket (Wechselausstellung + Museumsticket) regulär/ermäßigt
    14€ / 7€
  • Wechselausstellung regulär/ermäßigt
    10€ / 5 €
  • Familienkarte
    20€
  • Frankfurt Pass/Kulturpass/Geflüchtete
    1€
  • Am letzten Samstag des Monats
    Frei
  • (ausgenommen Teilnehmer gebuchter Führungen)

  • Eintritt nur Gebäude (FLOWDELI/Museumshop/Bibliothek)
    Frei
  •  

  • Freien Eintritt genießen:

  • Mitglieder des Fördervereins

  • Geburtstagskinder jeden Alters

  • Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre

  • Studenten der Goethe-Uni / FH / HfMDK

  • Inhaber von Museumsufer-Card oder Museumsufer-Ticket (deren Gültigkeit wurde automatisch um die Schließzeit im Lockdown verlängert)

  • Inhaber der hessischen Ehrenamts-Card

  • Mitglieder von ICOM oder Museumsbund

  •  

  • Ermäßigung genießen:

  • Studenten / Auszubildende (ab 18 Jahren)

  • Menschen mit Behinderung ab 50 % GdB (1 Begleitperson frei)

  • Wehr- oder Zivildienstleistende / Arbeitslose

  • Inhaber der Frankfurt Card

Link zum Standort Link zum Standort

Bertha-Pappenheim-Platz 1, 60311 Frankfurt am Main

Routenplaner